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"Gibt's Probleme?"
27. Juli 2017

Liebe Kunden und Freunde

der Buchhandlung Hacker und Presting,

 

nicht immer sind Probleme so einfach zu lösen wie in der 4b (s.o.).

Wir beobachten die Gegenwartsliteratur ja nun schon eine ganze Weile. Und dabei müssen wir immer wieder feststellen, daß ...

 

​a) ... es nur eine marginale Anzahl längerer Prosatexte gibt, die völlig frei von Problemen sind,

​b) ... noch kaum ein Autor problemstellungsmäßig das Rad völlig neu erfunden hat,

und deshalb

​c) ... die in diesen Texten behandelten Probleme einander manchmal ganz schön ähneln.

 

​Und hier sind sie, einige Grundprobleme in der Gegenwartsliteratur:

 

Unser Literaturkurier erscheint einmal wöchentlich und informiert Sie über Neuerscheinungen, Literatursendungen in Radio und Fernsehen sowie unsere Veranstaltungstermine.

Löwen wecken

1) Das "In-China-fällt-ein-Sack-Reis-um"-Problem:

 

Sie kennen ja die These, daß ein im Fernen Osten umfallender Reissack die Finanzkrise von 1929 ausgelöst haben soll. Ähnlich gelagert ist die Geschichte vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt einen Orkan auslöst. Voilà: Die Chaostheorie, im Fachjargon auch „Dynamik nicht linearer Systeme“ genannt! Viele Autoren bedienen sich nur allzu gern aus dieser unerschöpflichen Fundgrube. Und lassen das eine oder andere haarscharf austarierte Leben unter dem Gewicht eines Schmetterlingsflügels zusammenbrechen ...

 

​Der Klassiker: Ian McEwan, "Saturday". Ein renommierter Neurochirurg führt das perfekte Leben. Bis ein harmloser Autounfall alles ins Wanken bringt und Gewalt und Unberechenbarkeit in eine bislang moralisch makellose bürgerliche Existenz eindringen.

 

​Der Neuzugang: Ayelet Gundar-Goshen, "Löwen wecken". Ein ethisch-moralisch einwandfrei lebender Neurochirurg? Ein alles durcheinanderbringender Autounfall? Kann das Zufall sein? Oder eben - Chaostheorie? Nur, daß das spannende Wüsten-Kammerspiel der israelischen Autorin Gundar-Goshen in den kargen Weiten der Negev spielt und nicht mitten in London ...

 



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Ein wenig Leben

2) Das "Dein-Problem-ist-mein-Problem"-Problem:

 

​Manchmal reicht eine labile Hauptperson, um ein ganzes Bataillon an eigentlich recht lebensfähigen, fröhlichen Romanfiguren runterzuziehen. Holmes und Watson machten es vor ...

 

Der Klassiker: Bov Bjerg, "Auerhaus". Frieder ist lebensmüde, und alles kreist um ihn. Die wunderbare Freundschaftsgeschichte über eine Clique, die ihren fragilen Kumpel mit zarter Gewalt am Leben zu halten versucht, ist ein Paradebeispiel für das bewährte Rezept: Viel Freund, viel Romanstoff.

 

Der Neuzugang: Hanya Yanagihara, "Ein wenig Leben". Auch hier: Ein traumatisierter Kommilitone, der seinen ganzen College-Freundeskreis mit in seinen mentalen Mahlstrom hineinreißt. Das Ergebnis: Ein großer, wahrhaft mitreißender Roman!

 

 



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Sieben Nächte

3) Das "Affluenza-Problem":

 

​Falls Sie nicht in den USA leben, ist es keine Schande, das Wort Affluenza nicht zu kennen. Es steht für Wohlstand, Überfluß - und in den USA mittlerweile gern mal für Kids, die alles haben und nur aus Daffke und Langeweile die absurdesten Verbrechen begehen. Aber es gibt auch Affluenza-Literatur. Thema: Eigentlich habe ich kein Problem. Deshalb mache ich mir eins. Und das ziemlich meisterhaft.

 

​Der Klassiker: Thomas Glavinic, "Das größte Wunder". Jonas hat Kohle. So richtig viel Schotter. Genug jedenfalls, um sich einen rundumbetreuten Mount-Everest-Aufstieg leisten zu können. Aber was fehlt? Natürlich! Money can't buy me love ...

 

​Der Neuzugang: Simon Strauss, "Sieben Nächte". Ein junger Mann, ein Problem. Nämlich das, daß er keins hat. Er muß, soll einfach nur erwachsen werden. Und endlich mal ein paar Entscheidungen treffen. Stattdessen nimmt er sich vor, in sieben Nächten je eine der Todsünden zu begehen. Die literarische Reifeprüfung 2017 ...

 

 



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